Am 07. Mai 2010 führte der Chor des Bielefelder Musikvereins mit den Bielefelder Philharmonikern Johann Sebastian Bachs "Himmelfahrtsoratorium", BWV 11, sowie Albert Lortzings "Die Himmelfahrt Jesu Christi" auf.

Dazu äußerten sich die Bielefelder Zeitungen "Westfalenblatt" und "Neue Westfälische".



Westfalenblatt, 10. Mai 2010:

Dramatik mit Besinnlichkeit

Musikverein singt Bach und Lortzing

Von Armin Kansteiner

Bielefeld (WB) Dafür, dass der Musikverein - wie andere heimische Chöre - in Zeiten, in denen das Publikum eher den Starrummel sucht, es wagt, unpopuläre, aber wertvolle Werke aufs Programm zu setzen, sei ihm ausdrücklich gedankt.

Gelichtete Reihen in der Oetkerhalle dürfen ihn nicht entmutigen, denn solche Oratorienchöre haben einen Bildungsauftrag, gerade in schwierigen Zeiten.

Es liegen zwar nur knapp 100 Jahre zwischen den Entstehungszeiten von Johann Seb. Bachs so genanntem »Himmelfahrtsoratorium« und Lortzings »Himmelfahrt Jesu Christi«, beide Werke sind aber durch die gewaltige Epoche der Wiener Klassik getrennt und haben wenig gemeinsam. Angesichts der Qualität, mit der der Musikverein unter der Leitung von Wolfgang Helbich seine Aufgaben bewältigte, wünschte man sich, dass der Dirigent das jeweils Charakteristische der beiden Kompositionen stärker akzentuiert hätte. So fielen zum Beispiel in Bachs Schlusschoral, den der Chor sehr lebendig anging, die markanten Synkopen im konzertierenden Orchesterpart recht brav aus. Ferner ergab sich die Frage, ob nicht als Continuo-Instrument statt der Orgel ein Cembalo der Bachschen Musik mehr Leichtigkeit und Schwung verliehen hätte? In Lortzings Oratorium hingegen fühlte sich das Orchester offenbar zu Hause und hätte gern noch etwas mehr Klang entfaltet, wenn es dazu stärker angeleitet worden wäre. Denn anders als in Bachs Kantate, in der die Affekte ständig wechseln, lebt Lortzings Musik von einer durchgängigen Dramatik mit besinnlichen Momenten.

Beim Chorklang blieben kaum Wünsche offen. Ob es die kraftvollen Eingangs- oder strahlenden Schlusschöre, der schlichte Choral oder die komplizierte Fuge waren, die intensive Probenarbeit zahlte sich ebenso aus wie die traditionell sorgfältige Diktion.

Beim Solistenquartett beziehungsweisequintett gab es deutliche Unterschiede. Vorbildlich waren Kaja Plessing und Michael Dahmen. Sie verfügen nicht nur über eindrucksvolle Stimmen, sie lassen sie auch mit einer makellosen Technik und hervorragenden Aussprache voll zur Geltung kommen. Meisterhaft, wie Kaja Plessing in Bachs Arie »Ach, bleibe doch, mein liebstes Leben« scheinbar mühelos die an schwierigen Sprüngen reiche Partie zu einer »flehenden Gebärde« formte, nachdem ihr Michael Dahmen im Rezitativ zuvor in gleicher Intensität den Weg geebnet hatte. Auch Susanne Winter konnte mit ihrer Stimme und Gestaltungskraft das Publikum in den Bann schlagen, war aber nicht immer gut verständlich. Sebastian Pilgrims gewaltiger Bass eignete sich gut für den Petrus, ist aber noch nicht so kultiviert wie die anderen Stimmen. Das gilt in höherem Maße für Niklas Vepsä, dessen voluminöser und ausdrucksvoller Tenor sicher einmal große Opernpartien bewältigen wird, wenn er über eine bessere Atemtechnik, genauere Intonation und klarere Tongebung verfügt.

Alle Künstler ernteten für beide Teile des Programms langen Beifall.



Neue Westfälische, 10. Mai 2010:

Lohnende Entdeckung

Musikverein mit Himmelfahrts-Oratorien von Bach und Lortzing

Von Michael Beughold

Bielefeld. Immer wieder treibt den traditionsreichen städtischen Musikverein Entdeckerlust an. Diesmal spielten bei seiner Bielefelder Erstaufführung von Albert Lortzings Oratorium „Die Himmelfahrt Jesu Christi“ (1828) besonders viele Faktoren zusammen, etwa der regionale Bezug im Schöpfungs-Dreieck Detmold, Münster, Osnabrück oder die Terminierung im Vorfeld der „Wildschütz“-Premiere am Stadttheater.

Allzu viele Vertonungen des Stoffs kennt der Musikfreund nicht – am ehesten den diesen Konzertabend eröffnenden kantatenförmigen Beitrag Johann Sebastian Bachs. Und schließlich füllt die metierferne frühe Talentprobe des später überaus populären (heute etwas aus der Mode gekommenen) Meisters der deutschen Spieloper eine Lücke zwischen Haydn und Mendelssohn und besitzt ganz erhebliche musikalische Reize und Qualitäten.

Diese kamen unter der künstlerischen Gesamtleitung von Wolfgang Helbich einnehmend schön zur Geltung. Der Musikvereins-Chor ging wohlstudiert (Bernd Wilden) ans einstündige Werk,ließ in den rahmenden Engels-Lobgesängen ausgewogenen geschmeidigen Klangsinn und engagierte Auffächerung einschließlich Fugen-Präsenz hören. Die Männerstimmen konnten sich als „Chor der Jünger“ in Liedertafel-Manier erst sprachlos, dann wunderbar sanft und selig („Leises Wallen wehet nieder“) von ihrer Schokoladenseite präsentieren.

Die Arien und Ensembles für fünf Solisten waren von Inspiration und melodischem Charme erfüllt; auch Theatersinn und etwas vom Lortzing-typischen Opernton blitzte in mancher Wendung und passgenauen Klangzuwendung beim Philharmonischen Orchester auf.

Als Engelssopran bewährte sich Susanne Winter, nicht die Textdeutlichste, aber glitzernd timbriert und enorm koloraturfertig, derweil in Kaja Plessings Mezzo-Singen „das Wort Fleisch“ ward. Glänzend besetzt die Jünger Johannes und Petrus: War Bariton Michael Dahmen eine Offenbarung an ausdrucksnuancierter Klarheit und strömender Gefühlstiefe im Passions-Rückblick, so Sebastian Pilgrim ein markant-klangreicher Fels von Bass in der Arien-Schau des leeren Grabes. Sie dürften auch auf der Opernbühne einen prächtigen Zaren als Zimmermann oder Waffenschmied abgeben.

Ein völliger Missgriff (schon als Evangelist bei Bach) war der finnische Tenor Niklas Vepsä, wie er nicht unmusikalisch, aber mit unschön schwerer, stumpfer Tongebung und verfärbter Diktion unbeirrt die Christus-Partie durchpflügte. Zum Glück wurde diese arg rustikale Epiphanie von erhebender Hochstimmung im opernhaften Schluss-Tableau weggewischt. DasPublikum genoss Lortzings schöne Musik und zollte der lohnenden Entdeckung herzlich Applaus.

Die Einstimmung mit Bachs Himmelfahrtsoratorium war in barockmusikalisch leicht unverbindlichen Bahnen verlaufen. In Erinnerung blieb die festliche Freude der beschwingt licht genommenen und „mit Pauken und Trompeten“ umstrahlten Rahmen-Chöre. Von den beiden geigendicht umwobenen Frauenstimmen-Arien konnte das „Ach, bleibe doch“ in Kaja Plessings kultiviert-klangbewusster Ausdruckshaltung berühren.




Am 30. Januar 2010 führte der Chor des Bielefelder Musikvereins mit den Bielefelder Philharmonikern Igor Strawinskys Messe von 1948 sowie Anton Bruckners Messe Nr.2 emoll auf.

Dazu äußerten sich die Bielefelder Zeitungen "Westfalenblatt" und "Neue Westfälische".



Neue Westfälische, 01. Februar 2010:

Von beeindruckender Besonderheit

Konzert des Musikvereins in der Oetkerhalle

Von Michael Beughold

Bielefeld. Eine halbwegs gut gefüllte Konzerthalle (mehr gelingt heute allenfalls noch mit Bach) oder Erfüllung des Kulturauftrags, auch weniger zugkräftige absolute Meisterwerke der Chorliteratur aufzuführen? Für das 2. Saisonkonzert des Bielefelder Musikvereins hatte sich dessen künstlerischer Leiter Wolfgang Helbich ohne Wenn und Aber zu Letzterem bekannt.

Igor Strawinskys Messe von 1948 und Anton Bruckners 2. Messe in e-Moll macht dreierlei zu geborenen Programm-Partnern: eine tiefe Religiosität als kompositorischer Antrieb, die außergewöhnliche Besetzung mit Holz- und Blechbläserensemble und der rückgriff auf altertümliche, ja archaische Satz- und Klangmuster der abendländischen Kirchenmusik.

Da bot sich zur Hinführung und Auffüllung des Konzertabends ein echter alter Meister an. Weitab von gängiger Oratorienchor-Bestimmung erklangen zwei Vokalkonzerte von Heinrich Schütz, der biblische Gesang der Männer im Feuerofen und Psalm 8. Fünf Solisten namens „Ensemble Vespree“ lobsingen darin mit der tonschlanken Klarheit und beredten Stilkenntnis von Spezialisten. Der große Chor fällt immer wieder bekräftigend in die Endlosliste der Schöpfungs-Preisenden ein und konzertierend geführte Blechbläser brillieren in frühbarocker Pracht.

Strawinskys Vertonung des Messordinariums geht indes um vieles weiter (zurück), verwirft jede Textdeutung und Außenwirkung selbst im gleichfalls vokalsolistisch dargebotenen Credo und Gloria. Diese Messe ist wie ein kollektives Gebet, inwendig verhalten, asketisch, hochkonzentriert. Die ungeschützte chorklangliche Nacktheit nahm der Musikvereinschor intonatorisch souverän. Minuziös kam die Parlando-Rhythmik im bläserhell gespickten Kyrie, geschmeidig die zuweilen „byzantinisch“ kolorierte, immer luftige Stimmenpolyphonie, bewegend dicht das blockhafte Gegenüber von A-capella-Chor und Doppelbläserquintett im Agnus Dei.

Bei Bruckner sind der Rückgriff auf die Herbheit und strenge Kunst der Niederländer und die Synthese mit dem harmonischen Reichtum der Romantik dagegen von einer klangvisionären Ursprünglichkeit, die überwältigt. Der Traditionschor Musikverein hat natürlich alles Rüstzeug für einen profunden Bruckner-Klang aus „Größe“ und Weiträumigkeit; die ausgewogene homogene Fülle und Prägnanz, mit der er sich aktuell zwischen Feinzeichnung und „Kathedralklang“ bewegte, war jedoch bemerkenswert. Singtechnisch stach die Gloria-Absteckung mit freudigster Beschwingtheit und entfesselter „Amen“-Verve hervor; auch die extrem fordernden Grenzgänge im Agnus Dei wurden sicher bewältigt. Wo Wolfgang Helbich enthusiastisch befeuert, folgt ihm der Chor klanglich auf dem Fuße: der zwingende Aufbau des „judicare vivos“ oder der gleißende Lichtsog beim „et resurrexit“ waren unwiderstehlich suggestive Momente.

Die hier sechs Holz- und neun Blechbläser der Bielefelder Philharmoniker trugen in beispielhaft klangflexibler Unterfütterung zum geschlossen starken Gesamteindruck bei.


Westfalenblatt, 01. Februar 2010:

Lebendiger kann Bruckner nicht klingen

Musikverein in der Oetkerhalle

Von Von Armin Kantsteiner

Bielefeld. Auf der ersten Blick war es ein recht willkürlich zusammengestelltes Programm, das der Musikverein bei seinem zweiten Saisonkonzert bot. Drei Komponisten aus drei verschiedenen Epochen, die um Jahrhunderte auseinander liegen, waren offenbar nur durch die Besetzung miteinander verbunden.

Bei genauerer Betrachtung ergaben sich allerdings weitere Bezüge. So treten die Bläser, die in der Regel nur zur Unterstützung der Chorstimmen dienen, auch als selbstständige Gruppe im Wechselspiel mit dem Chor oder den Solisten auf, so greifen Strawinsky und Bruckner bei aller ihnen eigentümlichen harmonischen Kühnheit auf gleiche polyphone Satztechniken zurück und vertonen denselben Messetext, dem teilweise auch die Lobpreisungen der Schützschen Kompositionen entsprechen.

Die Aufführung erbrachte eine grandiose Steigerung von Schütz bis Bruckner. Die sichere und stilgerechte Wiedergabe des achten Psalms und des „Gesangs der drei Männer im feurigen Ofen“ hatte ihre besten Momente in der ausdrucksstarken Interpretation durch die Solisten Carsten Krüger (Bass) und Manuel König (Tenor) vom Ensemble Vespree. Dieses Ensemble pflegt eine sehr homogene und wohlklingende historische Aufführungspraxis, bei der die Textverständlichkeit an diesem Abend allerdings etwas zu kurz kam. Bei einem Komponisten wie Heinrich Schütz, der den Beinamen „musicus poeticus“ trägt, ist das nicht unproblematisch. Auch fehlte dem Wechselspiel zwischen Solisten und Chor bzw. Chor und Bläsern manchmal die Leichtigkeit und Spontaneität, die den Werken dieses Komponisten ihren besonderen Reiz verleihen.

Strawinskys Messe war deutlich stärker durchmodelliert. Hierzu trug auch die klare Aussprache bei. Insgesamt nutzten Chor und Solisten die Möglichkeiten der Partitur in hohem Maße aus. So hoben sich von dem Sprechgesang im Gloria der machtvolle Chorruf im Sanctus und die Gesanglichkeit im „Pleni sunt coeli“ wohltuend ab. Wolfgang Helbich vermied es, dem Werk allzu scharfe Konturen zu verleihen und brachte mehr den eigentümlichen Reiz des Chorklanges mit seinen vielen Facetten zum Ausdruck.

Einen starken Eindruck hinterließ die Aufführung von Bruckners Messe in e-Moll. Hier lief alles zu einer perfekten Wiedergabe zusammen: Eine Intonation, die von der „wohltemperierten“ in die reine Stimmung überging, eine Artikulation, bei der die Konsonanten ganz präzise eingesetzt und abgesprochen wurden, ein Chorklang, bei dem der Sopran auch in der extremen Höhe des zweigestrichenen „b“ warm, der Bass in der Tiefe klar und voll klangen und die Mittelstimmen Leuchtkraft besaßen. Wolfgang Helbich führte den Chor nicht nur sicher durch die komplexen fugierten Teile, er ließ die Zuhörer auch die Kühnheit der Brucknerschen Harmonik erleben, und das alles unter strikter Berücksichtigung, genauer gesagt, Ausnutzung der vorgeschriebenen Dynamik. Lebendiger und moderner kann Bruckner nicht klingen.