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Kritiken der Bielefelder Zeitungen "Westfalenblatt" und "Neue Westfälische" zur Aufführung der Messe Nr. 5, As-Dur von Franz Schubert und Anton Bruckners Te Deum am Samstag, den 8. Oktober 2011: |
| Westfalenblatt, Dienstag, 10. Oktober 2011: Knisternde Spannung dank A-capella Erstes Saisonkonzert des Musikvereins Von Armin Kansteiner Bielefeld (WB). Bruckners Te Deum bildete am 1. November 1930 den krönenden Abschluss eines »Festkonzertes zur Eröffnung der Rudolf-Oetker-Halle« durch den Bielefelder Musikverein unter der Leitung von Professor Heinrich Kaminski. Wenn gut 80 Jahre später an gleicher Stätte der gleiche Musikverein – nun unter der Leitung von Professor Wolfgang Helbich – das selbe Werk an den Schluss seines ersten Saisonkonzertes setzt, berechtigt diese Tradition einerseits zu Stolz. Andererseits bedeutet sie aber auch eine Verpflichtung. Von Stolz war bei keinem der Musiker etwas zu spüren, der Verpflichtung wurden sie vollauf gerecht. Schon die Programmzusammenstellung verriet Stilgefühl. Schuberts Messe in As-dur und Bruckners Te Deum in C-dur weisen bei allen Unterschieden im Detail auch Entsprechungen auf, welche Wolfgang Helbich, ein Meister der Pastellfarben, besonders an den ruhigen und zarten Stellen aufdeckte. Welchem Zuhörer wären nicht die wunderbaren A-capella-Passagen in Erinnerung geblieben, die durch eine selten gehörte Reinheit ihren harmonischen Reiz offenbarten und für eine knisternde Spannung im Saal sorgten? Hier zeigte sich besonders die sorgfältige Vorbereitung, an der auch Bernd Wilden seinen Anteil haben dürfte. Ebenso überzeugend gelangen die kraftvollen Abschnitte, die eine Bruckner-Schöpfung allerdings in höherem Maße kennzeichnen als eine von Schubert. Beide Kompositionen legen darüber hinaus Zeugnis dafür ab, dass ihre Urheber bei Bach gelernt haben, denn polyphone Satztechniken dienen immer wieder zur Verdeutlichung der Textaussage. Wenn der Chor zum Beispiel durch seine sichere Wiedergabe von Schuberts Fuge »Cum sancto spiritu« die ordnende Kraft hinter dem komplizierten Stimmengeflecht spüren lässt, dann ist die Wiedergabe einer Fuge kein Selbstzweck mehr. Auch das Orchester, besonders die Holz- und Blechbläser, sind für ihre geschickte Unterstützung lobend zu erwähnen. Denn jeder Spieler bewies ein hohes Maß sowohl an Anpassungsfähigkeit als auch an Selbständigkeit. Ein Hochgenuss war schließlich das Solistenquartett. Das Gesualdo-Consort aus Amsterdam, im Jahr 1984 von Harry van der Kamp gegründet, machte einen so homogenen Eindruck, dass man nicht sagen kann, ob der Sopranistin Stephanie Petitlaurent, der Altistin Nele Gramß, dem Tenor Julian Podger oder doch dem Bassisten Harry van der Kamp der Lorbeerkranz gebührt. Mit der Klarheit der Diktion, der ausdrucksvollen Gestaltung längerer Solostellen und erst recht mit der perfekten Balance des Quartettgesangs, bei dem sich keine der schönen Stimmen in den Vordergrund drängte, rundeten sie den Eindruck eines beglückenden Abends ab. Die Zuhörer bedankten sich mit lang anhaltendem Beifall. Neue Westfälische, Montag, 10. Oktober 2011: Kühner Geist der Romantik Städtischer Musikverein überzeugt mit Schubert und Bruckner in der Oetker-Halle Von Michael Beughold Bielefeld. Da hatte Musikvereinsleiter Wolfgang Helbich für das erste Saisonkonzert in der Oetkerhalle programmmacherisch wieder einmal trefflich kombiniert: Franz Schuberts Messe Nr. 5 in As-Dur (1822/26) mit Anton Bruckners „Te Deum“ (1886) nämlich. Weil, so ließe sich im Wissen um verbindende und gegenpolige Bezüglichkeiten vielleicht sagen, darin vom kühnstem Geist der österreichischen Romantik geradezu der Himmel ausgeschritten und ausgeleuchtet wird. Auf jeden Fall ergänzten sich die abgründige wunderbare Schönheit der Schubert-Messe und die überwältigende Wucht von Bruckners Vertonung des Ambrosianischen Lobgesangs zu einem bezwingenden Chorkonzert-Angebot. Werkangemessene Kompetenz für die hohen interpretatorischen Ansprüche beider Werke versteht sich beim Traditionschor des Bielefelder Musikvereins von selbst. Wolfgang Helbich steht für suggestive Aufrisse. Was in der As-Dur-Messe heißt, dass sich Schuberts oft eigensinnig-unorthodoxer Formgebung und bahnbrechenden harmonischen Ausweichungen und Ausleuchtungen chormusikalische Klangräume öffnen. Das Umschalten vom mild-demütig dahinfließenden Stimmungsbild des Kyrie zum E-Dur-Glanz im Gloria von draufgängerischer „Allegro maestoso e vivace“-Präsenz wäre ein Beispiel. Oder wie ihm im sinfonisch-zyklisch geformten Glaubensbekenntnis mit seinen Blechbläser-Anrufen, zwölf „Credo“-Bestätigungen und Mittelsatz-Klanggeheimnissen der Menschwerdung die nachschwingendste Zusammenführung aller kompositorischen Mittel gelang. Sein Chor folgt darin mit souveräner Ausdrucksgebung. Die Männerstimmen, zahlenmäßig die Problemzone so vieler Chöre, haben nachdrücklich an Statur gewonnen, so dass etwa die „Cum sancto spiritu“-Fuge in polyphoner Gleichwertigkeit „steht“. Dafür ließ im harmonischen Gesamtbild der Sopran zuweilen Grenzen der Schön- und Reinheit spüren. Vielleicht war die Probenarbeit einschließlich stimmbildnerischem Aufpolieren zum Saisonstart etwas kurz bemessen. In der hymnischen Vehemenz und archaisch-lapidarem Klangwucht des „Te Deum“ bewies der Musikvereinschor„feierlich mit Kraft“, aber ohne Kraftmeierei geschmeidig aufgefächertes Format, wenn er bis ins Hochschrauben des „Pleni sunt coeli et terra“ dem wie Orgelregister gezogenen sinfonischen „Kathedralklang“ stand hielt. Das Philharmonische Orchester brachte sich in Bruckner-erfahrener Dignität und Größe ein. Nicht zuletzt prägte ein ausgezeichnetes Solistenquartett von eingespielter Besonderheit (im „Gesualdo Consort Amsterdam“) das musikalische Bild. Wie sich Stephanie Petitlaurants Sopran in makelloser Ton- und Ausdrucksreinheit („Gratias agimus“) über die mezzofeine „Begleitung“ von Nele Gramß und das Bariton-Fundament von (Ensemblechef) Harry van der Kamp legte, verriet pures Einvernehmen. Tenor Julian Podger klinkte sich gleichgestimmt ein, bevor er den süßseligen Brucknerschen Solo-Sätzen als „Vorsänger“ inständigen Nachdruck schenkte. Die Musikfreunde zeigten sich von Werk und Wiedergabe insgesamt beeindruckt. |